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Doktorarbeit mit 93 Jahren

Sie steht sehr früh auf, so um sechs Uhr und holt ihre Zeitung. Ein Morgen ohne Sudoku, das ist einfach nichts. Hat sie alles gelöst, nimmt sie ihre Pillen, isst zwei Brote mit Butter und Marmelade und legt sich wieder ins Bett. Dann angelt sich Rosemarie Achenbach (93 Jahre )ihren Laptop, klappt ihn auf und beginnt mit dem Schreiben für ihre Doktorarbeit, es soll um die Philosophie des Todes gehen. Sie wohnt in Siegen, alleine in einem Haus mit Familien- und Hochzeitsbildern, Büchern, Eichenschränken, Buntglasfenstern und Vorhängen, durch die das Morgenlicht sickert, das ihre schlohweißen Haare leuchten lässt. Rosemarie Achenbach, eine kleine Frau mit Jeansrock und Bluse, die sehr viel kichert und, wenn ihr die Worte ausgehen, Gedichte aufsagt.

Als sie mit der Todes-Doktorarbeit begann, war sie 84. Jetzt, neun Jahre später, arbeitet sie immer noch daran. "Man muss sich auskennen", sagt sie, "man darf keinen Kokolores schreiben." Weshalb sie schrecklich viel liest, momentan zur Nahtoderfahrung und zur Quantentheorie. Doch der Tod, ihr Thema, ist inzwischen mehr als das. "Weil ich direkt dabei bin, näher kann man ja kaum dran sein, das ist einfach so." Dann kichert Rosemarie Achenbach und schickt einen zum Wohnzimmerschrank, wo Blätterstapel liegen, 300 Seiten insgesamt, handgeschrieben und abgetippt, vor allem aber beschriftet: Einleitung, Nahtod, Brain, Krieg, Ars morendi, Hospiz, Illusion, Spiritualität, Post mortem, Sterben, Astrophysik, Schluss.

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Rosemarie Achenbach war 18, als sie ihr erstes Studium begann, in München, Psychologie, Philosophie und Psychiatrie, die Nazis hatten gerade die Geschwister Scholl umgebracht. Sie studierte, so gut es ging, erinnert sich aber vor allem an die Bomben, die in den Nächten fielen, ein lauter werdender Pfeifton, Todesangst. Nach drei Semestern war Schluss, sie musste nach Polen, Arbeitsdienst, Himmelfahrtskommando, das wusste sie aber nicht. Dann Flucht vor den Russen und Bilder im Kopf, tief eingegraben.

Nach dem Krieg wurde geheiratet, ein evangelischer Pfarrer, Umzug ins Siegener Land, drei Kinder großziehen, keine Minute für sich, dem Mann gehorchen, oft heulte sie nachts, auch wegen der Kriegsbilder im Kopf. Ein deutsches Leben, ein langes Leben, in dem sie wenig mitzureden hatte und das sich erst änderte, als der Mann gestorben war. 2003 war das. Am nächsten Weihnachtsfest fuhr Rosemarie Achenbach nicht zu den Kindern, sondern nach Paris, flanierte durch den Louvre, aß Croissants und Baguette, fuhr U-Bahn, stundenlang. Zurück im leeren Zuhause wollte Achenbach nur noch eines: wieder an die Uni und ihren Magisterabschluss.

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/leben/serie-ue-rosemarie-achenbach-doktorandin-1.3606360